Sonntag, 30. August 2015

Suomenlinna - die Finnenburg

Ich befinde mich auf der Insel Suomenlinna, in den Gewässern direkt vor Helsinki, kaum zehn Minuten mit der Fähre. Bin hergekommen, um ein paar Fotos zu schießen, bei meinem Aufbruch noch im strahlenden Sonnenschein. Jetzt musste ich mich in ein Café retten vor strömendem Regen, Donner, Blitzen - wie aus dem Nichts sind die schwarzen Wolken plötzlich über der See aufgetaucht, meterhoch, bedrohlich, grollend. Erst der Donner, dann die ersten zaghaften Tropfen und schließlich diese angsteinflößenden Blitze. Sofort waren die vorher noch so bevölkerten Kieswege menschenleer. Gottseidank stand ich gerade neben einem Café, als die verdammte Blitzerei begann. Der Kakao kostet 3,60€, aber er schmeckt herrlich und das Wasser ist umsonst.

Was soll ich sagen über meine letzten Tage? Fast eine Woche bin ich nun hier. Habe mich langsam gewöhnt an die Straßen, die Sprache, die Menschen. Das Hostel hat mir zuerst wirklich zugesetzt, so voll und öffentlich wie es ist. Raum für Privates, einen Rückzugsort, lässt es nicht. Jedes Wort, das man spricht, jeder Atemzug, den man tut, ja, man könnte fast meinen, jeder Gedanke, der einem kommt, wird von anderen wahrgenommen. Acht Menschen in einem Raum. Wie sollte es auch anders sein? Aber es ist unheimlich interessant. Die eine Hälfte der Bewohner*innen der Herberge sind Studierende aller Herren Länder, die es nun über kurz oder lang nach Helsinki verschlagen hat. Die andere Hälfte sind Allein-Reisende, Menschen, die die Einsamkeit Skandinaviens und der östlichen Staaten suchen, oder die einfach nur mehr Kultur und Geschichten aufnehmen, wenn sie ohne Begleitung unterwegs sind. Die Allein-Reisenden bleiben meist nicht lange in der Stadt, ein paar Tage höchstens, und dann langweilen sie sich auch schon wieder. Für sie hat Helsinki nicht so viel zu bieten, den Dom vielleicht, die russische Kirche, den Hafen - viel mehr gibt es nicht zu entdecken. Und nach den Wundern der schwedischen und norwegischen Städte oder der russischen Sehnsuchtsorte wie St. Petersburg oder Moskau werfen einen eine weiße Kirche oder ein paar große Schiffe auch nicht mehr vom Hocker.

Sicher gibt es wunderbare Faszinationen im Norden oder im Osten, fremdartige, bunte Gebäude, atemberaubende Landschaften und sagenumwobene Orte noch und nöcher. Aber Helsinki hat für mich seinen ganz eigenen Zauber, mit all den geheimen Rückzugsorten, grünen Parks, nordischen Buchten, heruntergekommenen Gässchen, mit all dem herausgeputzten Jugendstil, dem wechselhaften Wetter und den Wikingern mit der weichen Stimme. Ich liebe die Sprache, die Menschen, die Durchgedrehtheit der Finnen. Sie sind so unheimlich zuvorkommend und hilfsbereit. Keine Spur von der melancholischen Verschlossenheit, von der man allenthalben liest. Da war zum Beispiel dieser Barkeeper, ein Berg von einem Mann, dick, stark, groß, Muskeln ohne Ende. Strohblondes Haar, ein drahtiger Bart, wasserblaue Augen. Und diese unendlich tiefe Stimme. Er sah aus wie der Wikinger. Man konnte ihn kaum ansehen, ohne eine Schweineangst zu bekommen. Und dieses Ungetüm spricht plötzlich Finnisch. Eine weiche, fröhliche Sprache, in der es Wörter wie "Pykälä" oder "Pyttipannen" gibt. Der Wikinger spricht, wie man es von einem vergnügten, ostfriesischen Hobbit erwarten würde. Herrlich. Und dieses derbe, tiefe Lachen, das irgendwo ganz unten aus dem riesigen Körper hervorzurollen scheint - das Urbild eines Finnen.

Ja, ich genieße all das, die Natur, mit ihren Felsen und Gräsern und Birken, die See, launisch wie ein pubertierendes Mädchen, die Menschen, die sich keinen Deut um ihren Ruf scheren. Alles erscheint mir wie in einem Buch, wie ein geheimes Zauberland, in dem die Leute noch in Ruhe leben können. Gottseidank hat man die Finnen noch nicht entdeckt. Wüsste jeder um ihre verdrehte Schönheit, die Menschen würden ihnen die Türen einrennen. Und bei aller Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit - das wäre den Finnen dann doch zu viel der Aufmerksamkeit. Ich glaube, sie leben ganz gerne ungestört vor sich hin.

Und wie steht es um die Menschen? Um neue Bekanntschaften, neue Freunde? Jeden Tag wird es leichter. Die Küche des Hostels ist nun wirklich ein Segen - fühlt man sich einsam, setzt man sich einfach auf eines der Sofas, liest ein Buch oder surft im Internet. Und schon wird man angesprochen. Und, was ist, gehen wir jetzt ein Bier trinken oder was? So leicht ist das. Englisch wird zur zweiten Muttersprache. Zu viele Deutsche hier, leider. Und die Jurist*innen? Als ich herkam, hatte ich völlig vergessen, dass Jurastudierende Jura studieren. Soll heißen: Im Grunde sind sie, wie überall sonst auch: Teure Kleidung, Karrierebesessenheit, fehlendes politisches Interesse ... Aber wie sonst auch gibt es auch unter den Jurist*innen hier Ausnahmen dieser Regel, auch hier gibt es die menschlichen, Lederjacken-tragenden, politischen Charaktere. Es ist nicht immer einfach, diese Leute zu finden, aber das Hostel ist ein ganz guter Anfang. Tatsächlich leben dort einige meiner Kommiliton*innen.

Eine Schande sind hierzulande leider die Bierpreise. Sechs Euro in der Kneipe, für das schlechteste, billigste Bier - völlig normal. Der Gedanke, für 19€ hin und zurück die Fähre nach Tallinn in Estland zu nehmen und dort die Alkoholvorräte wesentlich günstiger aufzustocken, scheint immer verlockender. Vielleicht nächstes Wochenende.

Ein Fazit der letzten Tage also? Unheimlich aufregend, neue Erfahrungen und Menschen zuhauf, die aufkeimende Liebe zu einer neuen Heimat, durchwachsenes Wetter, Eindrücke, Empfindungen, Kulturen aus aller Welt. Es ist nicht immer leicht, aber das muss es auch nicht sein. Wäre es das, hätte ich ja nichts zu erzählen.

Das Gewitter hat sich mittlerweile gelegt, die Schokolade ist ausgetrunken, die Hand schmerzt von all dem Schreiben und auch das Café hat sich merklich geleert. Ich denke, ich nehme nun die Fähre zurück in die Stadt, sehe mir die frisch geschossenen Fotos an, tippe den Text für euch ab und setze mich danach in die Küche des Hostels. Bevor ich es Dienstag verlasse, will ich die Geselligkeit des Raums noch einmal auskosten. Und das nächste Mal schreibe ich dann vermutlich aus meinem neuen Appartement.

Mein Zimmer im Hostel - unten links schlafe ich. Das Mädchen heißt Elena und studiert Medizin (super nett!).

Mittwoch, 26. August 2015

Tervetuloa!

Nun ist es also wirklich passiert. Ziemlich lange habe ich darauf hingefiebert, habe Vorbereitungen getroffen, Bücher gelesen, versucht, mich irgendwie in diese seltsame, verdrehte finnische Mentalität einzuarbeiten, und nun bin ich tatsächlich hier oben.

Benni hat mir gesagt, ich soll einen Blog machen, damit ihr dort unten auch was mitbekommt von meinem kleinen Abenteuer, also habe ich diese Seite erstellt. Ich bin mal gespannt, was ich hier so alles erzählen werde. Nun also der erste Eintrag. Der Flug, die Ankunft, die ersten beiden Tage. Ich erzähle mal ein bisschen.

Für mich fing alles Montagmorgen an, um 6:30h. Mein erster Flug ging von Baden-Baden nach Berlin, der zweite dann von Berlin nach Helsinki. Wie ihr wisst, bin ich nicht unbedingt die super erfahrene Viel-Fliegerin. Insofern war für mich der erste Flug ein ziemlicher Höllenritt. Das Wetter zeigte sich nicht von der besten Seite, das Flugzeug war extrem klein und eng und es hatte Propeller, wie so eine richtige Indiana-Jones-Maschine. Gott, ich bin beinahe gestorben. Von Berlin nach Helsinki war es dann besser. Zum einen handelte es sich bei dieser Strecke um einen großen Flieger, bei dem man nicht sofort jeden Windstoß spürte, und auch das Wetter erwies sich als wesentlich angenehmer. Zum anderen saß neben mir ein älterer Russe aus Moskau, der laut eigenen Angaben schon aus 176 Flugzeugen gesprungen ist, weil er das früher irgendwie beruflich gemacht hat. Der war die Ruhe selbst, auch bei dem etwas holperigen Landeanflug, und hat die ganze Zeit beschwichtigend auf mich eingeredet.

Vom Flughafen ging es mit dem Zug ungefähr vierzig Minuten durch Vorstadtgebiete hinein ins Zentrum. Was ich bisher an finnischer Landschaft gesehen habe - das ist schon der Wahnsinn. Mit dem Flugzeug sind wir vor der Landung ein Stück ins Land hinein geflogen und von oben konnte man all die Wälder, Seen und dünn besiedelten Landstriche erkennen. Selbst in der Hauptstadtregion leben schon so vergleichsweise wenig Menschen - wie ist das dann erst weiter im Norden? Verrückt. Auf der Fahrt in die Stadt habe ich dann noch mehr von der Natur gesehen: Überall diese herrlichen Felsen mit den noch herrlicheren Gräsern. Birken, dünne Kiefern (damit der Schnee ihnen nicht die Äste abreißt, sind sie viel länger und dürrer als bei uns), Beeren, Gräser, Sträucher, der ganze Mist eben. Wunderschön sieht das aus und ganz ursprünglich. Nordisch eben.

Mein Hostel liegt mitten in der Stadt und befindet sich im zweiten Stock eines Altbaus - eigentlich alles ganz gut soweit. Allerdings teilt sich das gesamte Hostel zwei Duschen und diese Duschen sind auch extrem seltsam. Eigentlich ist es jeweils nur ein Raum mit einem Duschkopf und Abfluss, und es riecht auch noch so, wie Duschen eigentlich wirklich nicht riechen sollten. Aber man gewöhnt sich dran. Das Zimmer teile ich mir mit sieben anderen Menschen. Mit einem Mädchen habe ich schon gesprochen, sie kommt aus Spanien und macht auch Erasmus, der Rest meiner Mitbewohner*innen ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aber es ist ja nicht für ewig.

Und dann habe ich  mir die letzten beiden Tage vor allem die Stadt angesehen, zu Fuß, alleine, sehr enthusiastisch. Alle sprechen Finnisch, diese herrliche, verdrehte Sprache, die meiner Meinung nach eine der Schönsten überhaupt ist. Gefühlte hundert Mal habe ich schon diesen einen Typ Finnen gesehen, dick, derb, blond, aber friedlich, mit wasserblauen Augen und Eishockey-Fan. Die jungen Menschen sind alle ziemliche Hipster, mit lustigen Frisen, Bärten, Skateboards und alternativer Kleidung, sie hängen in Vintagecafés rum oder in Parks und alle rauchen, rauchen, rauchen. Mein erster käuflicher Erwerb in Finnland war ein Lakritz-Eis, eine Kugel, größer als meine Faust (und ich habe eine ziemlich stattliche Faust). Es schmeckt etwas gewöhnungsbedürftig, irgendwie ein bisschen nach Lakritz, aber nach einer Weile mehr wie stinknormales Vanilleeis. In Finnland ist es auf jeden Fall total beliebt.
Auf meinem Weg durch die Stadt bin ich dann auch bei einem kleinen Konzert vorbeigekommen: Ein langhaariger, blonder Finne in Schlaghosen, der voller Leidenschaft irgendeinen finnischen Rock-Schlager ins Mikro brüllte. Erstaunlich, dass es hier wirklich so ist, wie es in den Büchern stand, die ich gelesen habe.

Helsinki ist wirklich wunderschön. Überall Jugenstil, helle, bunte Gebäude und hinter jeder Ecke schimmert dunkelblau die Ostsee hervor. Vintage-Läden, kleine, schicke Cafés, Flohmärkte, teure Klamottengeschäfte und urige Kioske, dann der Hafen mit seinen riesigen Fähren und Kreuzfahrtschiffen. Mit all den modernen, kostspieligen Häusern und den großen Baustellen erinnert er ein wenig an die Hafen-City in Hamburg. Die Stadt bietet unheimlich viele Rückzugsorte, Parks, einsame Holzstege, die ins Wasser führen, Felsen, ungestörte Ecken. Nur ein paar Meter und man fühlt sich plötzlich wie auf dem Land, mit den großen, grünen Flächen, dem Wasser, kleinen Fischerbooten und roten Holzhütten. Wunderbar.
Gestern war ich außerdem das erste Mal in dem Viertel, in das ich in einer Woche ziehen werde. Habe auf dem Friedhof gelesen - dem größten Friedhof in Finnland, direkt am Wasser! Und mein Wohnheim sieht von außen auch echt klasse aus.

Die Stadt, das Land und die Menschen sind also wirklich herrlich und all das zu sehen, zu hören, zu schmecken, das ist, als würde ich ein Zauberland betreten, von dem ich schon lange gelesen habe. Ich laufe die ganze Zeit mit riesigen Augen herum, wie ein kleines Kind, das das erste Mal einen Weihnachtsbaum sieht. Aber es ist auch schwierig, so ganz ohne Menschen hierherzukommen. Zuerst war es im Hostel nicht leicht, Leute kennenzulernen, und hier kann man sich auch nicht wirklich zurückziehen. Ihr fehlt mir, Leute, wirklich.

Aber gestern Abend kam ich dann in der Wohnheimsküche doch mit ein paar Menschen ins Gespräch und schließlich bin ich mit Leuten aus Italien, Spanien, Frankreich, Belgien und Brasilien etwas trinken gegangen, wobei wir dann auch ein paar Finnen kennengelernt haben. Ich finde also doch langsam Anschluss. Und dieses ganze Internationale ist echt spitze.

Das also sind so meine ersten Eindrücke, zu denen ich noch ein paar Bilder hinzufügen werde, damit ihr euch auch etwas darunter vorstellen könnt.

Hyvää päivää und macht's gut!

Der Indiana-Jones-Flieger






Mein erstes Lakritz-Eis!

Am Hafen - Was man hier sieht, ist für Helsinki typisch: Die Balkons sind verglast, sodass man die Scheiben im Sommer aufschieben und den Balkon in seiner normalen Funktion nutzen kann. Im Winter dagegen ist der "Balkon" dank der Scheiben trotz Kälte betretbar.

Finnische Kunst ist für manche Gemüter auch erstmal gewöhnungsbedürftig ...

Der Friedhof am Meer

Unsere Hostel-Küche - gemütlich!