Was soll ich sagen über meine letzten Tage? Fast eine Woche bin ich nun hier. Habe mich langsam gewöhnt an die Straßen, die Sprache, die Menschen. Das Hostel hat mir zuerst wirklich zugesetzt, so voll und öffentlich wie es ist. Raum für Privates, einen Rückzugsort, lässt es nicht. Jedes Wort, das man spricht, jeder Atemzug, den man tut, ja, man könnte fast meinen, jeder Gedanke, der einem kommt, wird von anderen wahrgenommen. Acht Menschen in einem Raum. Wie sollte es auch anders sein? Aber es ist unheimlich interessant. Die eine Hälfte der Bewohner*innen der Herberge sind Studierende aller Herren Länder, die es nun über kurz oder lang nach Helsinki verschlagen hat. Die andere Hälfte sind Allein-Reisende, Menschen, die die Einsamkeit Skandinaviens und der östlichen Staaten suchen, oder die einfach nur mehr Kultur und Geschichten aufnehmen, wenn sie ohne Begleitung unterwegs sind. Die Allein-Reisenden bleiben meist nicht lange in der Stadt, ein paar Tage höchstens, und dann langweilen sie sich auch schon wieder. Für sie hat Helsinki nicht so viel zu bieten, den Dom vielleicht, die russische Kirche, den Hafen - viel mehr gibt es nicht zu entdecken. Und nach den Wundern der schwedischen und norwegischen Städte oder der russischen Sehnsuchtsorte wie St. Petersburg oder Moskau werfen einen eine weiße Kirche oder ein paar große Schiffe auch nicht mehr vom Hocker.
Sicher gibt es wunderbare Faszinationen im Norden oder im Osten, fremdartige, bunte Gebäude, atemberaubende Landschaften und sagenumwobene Orte noch und nöcher. Aber Helsinki hat für mich seinen ganz eigenen Zauber, mit all den geheimen Rückzugsorten, grünen Parks, nordischen Buchten, heruntergekommenen Gässchen, mit all dem herausgeputzten Jugendstil, dem wechselhaften Wetter und den Wikingern mit der weichen Stimme. Ich liebe die Sprache, die Menschen, die Durchgedrehtheit der Finnen. Sie sind so unheimlich zuvorkommend und hilfsbereit. Keine Spur von der melancholischen Verschlossenheit, von der man allenthalben liest. Da war zum Beispiel dieser Barkeeper, ein Berg von einem Mann, dick, stark, groß, Muskeln ohne Ende. Strohblondes Haar, ein drahtiger Bart, wasserblaue Augen. Und diese unendlich tiefe Stimme. Er sah aus wie der Wikinger. Man konnte ihn kaum ansehen, ohne eine Schweineangst zu bekommen. Und dieses Ungetüm spricht plötzlich Finnisch. Eine weiche, fröhliche Sprache, in der es Wörter wie "Pykälä" oder "Pyttipannen" gibt. Der Wikinger spricht, wie man es von einem vergnügten, ostfriesischen Hobbit erwarten würde. Herrlich. Und dieses derbe, tiefe Lachen, das irgendwo ganz unten aus dem riesigen Körper hervorzurollen scheint - das Urbild eines Finnen.
Ja, ich genieße all das, die Natur, mit ihren Felsen und Gräsern und Birken, die See, launisch wie ein pubertierendes Mädchen, die Menschen, die sich keinen Deut um ihren Ruf scheren. Alles erscheint mir wie in einem Buch, wie ein geheimes Zauberland, in dem die Leute noch in Ruhe leben können. Gottseidank hat man die Finnen noch nicht entdeckt. Wüsste jeder um ihre verdrehte Schönheit, die Menschen würden ihnen die Türen einrennen. Und bei aller Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit - das wäre den Finnen dann doch zu viel der Aufmerksamkeit. Ich glaube, sie leben ganz gerne ungestört vor sich hin.
Und wie steht es um die Menschen? Um neue Bekanntschaften, neue Freunde? Jeden Tag wird es leichter. Die Küche des Hostels ist nun wirklich ein Segen - fühlt man sich einsam, setzt man sich einfach auf eines der Sofas, liest ein Buch oder surft im Internet. Und schon wird man angesprochen. Und, was ist, gehen wir jetzt ein Bier trinken oder was? So leicht ist das. Englisch wird zur zweiten Muttersprache. Zu viele Deutsche hier, leider. Und die Jurist*innen? Als ich herkam, hatte ich völlig vergessen, dass Jurastudierende Jura studieren. Soll heißen: Im Grunde sind sie, wie überall sonst auch: Teure Kleidung, Karrierebesessenheit, fehlendes politisches Interesse ... Aber wie sonst auch gibt es auch unter den Jurist*innen hier Ausnahmen dieser Regel, auch hier gibt es die menschlichen, Lederjacken-tragenden, politischen Charaktere. Es ist nicht immer einfach, diese Leute zu finden, aber das Hostel ist ein ganz guter Anfang. Tatsächlich leben dort einige meiner Kommiliton*innen.
Eine Schande sind hierzulande leider die Bierpreise. Sechs Euro in der Kneipe, für das schlechteste, billigste Bier - völlig normal. Der Gedanke, für 19€ hin und zurück die Fähre nach Tallinn in Estland zu nehmen und dort die Alkoholvorräte wesentlich günstiger aufzustocken, scheint immer verlockender. Vielleicht nächstes Wochenende.
Ein Fazit der letzten Tage also? Unheimlich aufregend, neue Erfahrungen und Menschen zuhauf, die aufkeimende Liebe zu einer neuen Heimat, durchwachsenes Wetter, Eindrücke, Empfindungen, Kulturen aus aller Welt. Es ist nicht immer leicht, aber das muss es auch nicht sein. Wäre es das, hätte ich ja nichts zu erzählen.
Das Gewitter hat sich mittlerweile gelegt, die Schokolade ist ausgetrunken, die Hand schmerzt von all dem Schreiben und auch das Café hat sich merklich geleert. Ich denke, ich nehme nun die Fähre zurück in die Stadt, sehe mir die frisch geschossenen Fotos an, tippe den Text für euch ab und setze mich danach in die Küche des Hostels. Bevor ich es Dienstag verlasse, will ich die Geselligkeit des Raums noch einmal auskosten. Und das nächste Mal schreibe ich dann vermutlich aus meinem neuen Appartement.
| Mein Zimmer im Hostel - unten links schlafe ich. Das Mädchen heißt Elena und studiert Medizin (super nett!). |





